Dauerhafte Klanginstallation im Karlsgarten
Klangereignis täglich um 10:20 Uhr | 16:20 Uhr | 20:20 Uhr
Robin Minard (*1953 Montreal, Kanada): Kaminoyama Soundmark (2024) - Cortenstahl-Platte, Lautsprecher in versenkter Bodenkonstruktion.
Essay von Robin Minard
Die Installation Kaminoyama Soundmark geht auf eine persönliche Erfahrung zurück: Als ich vor vielen Jahren in Donaueschingen war, um eine Klanginstallation für die Musiktage vorzubereiten, wohnte ich in einem Hotel im Zentrum der Stadt. Irgendwann am Morgen, zwischen dem Aufwachen und dem Frühstück, erregte der besonders schöne Klang einer Glocke, die durch das Hotelfenster hereinkam, meine Aufmerksamkeit – wahrscheinlich war es die Glocke der Kirche St. Johann, die sich ebenfalls im Zentrum der Stadt befindet. Ich öffnete das Fenster so weit wie möglich, um zu lauschen. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Moment: Ein wunderschöner Glockenklang aus Donaueschingen begrüßte mich in meinem Hotelzimmer.
So alltäglich Glocken fast überall auf der Welt sind, so haben sie doch in den verschiedenen Kulturkreisen ganz unterschiedliche Bedeutungen. Sie sind ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Miteinanders und der kulturellen Identität. In einem kulturellen Kontext betrachtet, kann der Klang von Glocken niemals nur als ein auf Metall schlagender Hammer verstanden werden. Glocken stehen für religiöse Konzepte; sie signalisieren Zeit, Feierlichkeiten oder Trauer; sie kündigen wichtige Ereignisse an; sie rufen zum Handeln auf. Glocken sind eindeutige «akustische Signale» und «Soundmarks»1 in einer Klangumgebung. Sie prägen das Leben von Gemeinschaften auf einzigartige Weise.
Seit 1995 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen den Städten Donaueschingen und Kaminoyama (Präfektur Yamagata, Japan). Die Gründung dieser Partnerschaft geht auf den japanischen Dichter Mokichi Saitō und seine Verbindung zu Donaueschingen zurück: Mokichi Saitō , der wohl bedeutendste japanische Dichter des 20. Jahrhunderts, schrieb 1924 eine ausführliche Beschreibung seiner Reise von Wien zur Donauquelle in Donaueschingen. Saitō reiste nach Donaueschingen, um entlang der Brigach bis zu der Stelle zu wandern, an der der Fluss in die Breg mündet, wo sich der Ursprung der Donau befindet. In Erinnerung an seinen Besuch ist dieser Weg entlang der Brigach heute als «Mokichi-Saitō-Weg» ausgeschildert. Der Weg beginnt im Stadtzentrum an der Schützenbrücke und endet am Zusammenfluss der beiden Flüsse. Die japanische Stadt Kaminoyama, Saitōs Heimatstadt, griff seine Reise nach Donaueschingen auf, als sie engeren Kontakt zu Europa suchte. Seit 1995 bemüht sich die Deutsch-Japanische Gesellschaft um die Vertiefung der Freundschaft zwischen den Städten Donaueschingen und Kaminoyama.
Für mich war die Partnerschaft zwischen Donaueschingen und Kaminoyama in Kombination mit meinem früheren Hörerlebnis mit der Glocke in Donaueschingen ein Anstoß, darüber nachzudenken, wie die Klänge einer Kultur in eine andere verpflanzt werden können – insbesondere, wie so etwas wie der Klang einer Glocke, ein kulturell so bedeutsamer Klang, in einer fremden Klanglandschaft neue Bedeutung erlangen und sie auf interessante Weise erweitern kann. Donaueschingen und Kaminoyama sind natürlich Städte mit sehr unterschiedlichen Kulturen und damit auch sehr unterschiedlichen Klangwelten. So entstand die Idee für Kaminoyama Soundmark, eine Installation, die eine ganz besondere Art von Soundmark in der Stadt Donaueschingen schaffen soll.
Kaminoyama Soundmark wird im Donaueschinger Karlsgarten, einem kleinen Park direkt gegenüber dem Bahnhof, dauerhaft installiert. Klänge werden von einer Stahlplatte projiziert, die auf einer Grünfläche des Parks liegt. Der Soundtrack der Installation mischt Glockenklänge mit anderen charakteristischen Klängen, die in Kaminoyama und Umgebung zusammengetragen wurden: Geräusche von Wasser – die Stadt ist bekannt für ihre heißen Quellen und Flüsse sowie für das bewaldete Bergland, das sie umgibt; japanische Kinder beim Spielen; Saitōs eigene Stimme – er wurde beim Rezitieren eines seiner Gedichte aufgenommen; die Geräusche von Saitōs Schreiben – das Kratzen eines Stifts auf Papier, das beim Schreiben eines von Saitōs Gedichten in japanischer Sprache aufgenommen wurde; das Geräusch eines entfernten Zuges... dann wieder eine Glocke, die Zeit und Raum markiert...
Die Installation soll täglich um 16:20 Uhr erklingen, also zu der Zeit, zu der Saitōs Zug Donaueschingen verlassen hat, sowie zu einigen anderen Zeiten am Tag. Das Projekt wird eine akustische Brücke zwischen Donaueschingen und Kaminoyama schlagen und sowohl den kulturellen Unterschied als auch die kulturelle Integration hervorheben.
1 Der Begriff «soundmark» wurde von R. Murray Schafer geprägt und ist von dem Begriff «landmark» abgeleitet. Ein Soundmark ist ein Klang, der für ein bestimmtes Gebiet einzigartig ist. In seinem 1977 erschienenen Buch The Soundscape: Our Sonic Environment and the Tuning of the World, schrieb Schafer: «Sobald ein Soundmark identifiziert wurde, muss es geschützt werden, denn Soundmarks machen das akustische Leben einer Gemeinschaft einzigartig.»
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