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kunst und kultur zu hause

Folge 10
Jüdisches Leben in Donaueschingen oder Abschied von der Kleinstadtidylle!


Die Familien jüdischen Glaubens, deren Lebensmittelpunkt bis im November 1938 in Donaueschingen war, erlitten hier die Reichspogromnacht und den Vormittag des 10. November 1938. Es war ein Donnerstag und außergewöhnlich warm für den November. Es sollte ein trauriger und denkwürdiger Tag werden.

Das Attentat in Paris.

Am 3. November 1938 erfuhr Herschel Grünspan (geb. 1921 in Hannover), der bei seinem Onkel in Paris lebte, dass seine ganze Familie im Oktober 1938 aus Hannover nach Polen vertrieben worden war. (Seine Eltern waren polnische Juden, die 1911 von Polen nach Hannover zogen.) Die Nachricht erschütterte ihn sehr, er besorgte sich einen Revolver und schoss damit am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft auf den der NSDAP angehörenden Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen.

Dieses Ereignis nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass, mit dem schrecklichen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung zu beginnen. In der Nacht vom 9. zum 10. November fanden die Terrorakte gegen die Juden ihren schrecklichen Höhepunkt. In Zivil zerstörte die SA Synagogen, Kulturstätten und Eigentum von jüdischen Mitbürgern in ganz Deutschland. Die SA und sonstige NS-Organisationen sollten vor Ort „Vergeltungsaktionen“ an Juden und jüdischen Einrichtungen provozieren, selbst aber nicht als Urheber der Aktivitäten in Erscheinung treten, deshalb waren sie in Zivil. Die männlichen Juden wurden in die sogenannte „Schutzhaft“ genommen. („Die Juden müssen vor der Wut der Bevölkerung geschützt werden.“)

Der Pogrom in Donaueschingen.

Am Vormittag des 10. November 1938 waren Schüler und Lehrer aufgefordert worden, sich zum Bahnhof zu begeben. Dort wurden sie von SA-Leuten empfangen, es wurde eine Rede gehalten, von der wohl die meisten Schüler nichts verstanden haben. Schüler und Lehrer wurden in vier Gruppen aufgeteilt, von den SA-Leuten angeführt gingen sie zu den Wohn- und Geschäftshäusern der jüdischen Familien. Die SA-Leute drangen in die jeweiligen Häuser ein, randalierten und misshandelten die Bewohner. Die Schüler mussten vor den Häusern stehend, dem schändlichen Treiben zusehen. Von diesem Tag an war in dem Leben der jüdischen Familien nichts mehr so, wie es einmal war. Entrissen aus ihrem früheren Leben waren sie nun in Angst und Schrecken versetzt, mussten um ihr Leben und Gut fürchten und waren auf der Flucht.

Ein Augenzeuge.

Ein Ereignis, das wir nicht verstanden, war im November 1938 die sogenannte „Kristallnacht“. Mitten im Vormittagsunterricht ging plötzlich die Tür auf, SA-Männer befahlen uns, uns draußen auf der Straße in Dreierreihen aufzustellen. Dann führten sie uns zu den Häusern, wo Juden wohnten. Wir mussten zusehen, wie deren Wohnungen geplündert wurden. Es muss wohl kurz vor Mittag gewesen sein, denn aus den Fenstern flogen außer Möbelstücken auch Töpfe mit Essen; als ich später nach Hause kam, fand meine Mutter noch Nudelsuppe in meinen Haaren! Ich weiß nicht mehr, wie lange und an wie vielen Häusern wir dieser irrsinnigen Zerstörungswut zuschauen mussten. Fräulein Dr. Simanowski führte uns schließlich weg mit den Worten: „Kommt, Kinder, wir gehen weg, das ist nichts für uns ...“ Wir waren elf oder 12 Jahre alt.

Der Zeitungsbericht einen Tag später.

„Auch in unserer Stadt und in allen Orten unseres Kreisgebietes hat die jüdisch-bolschewistische Bluttat die größte Erregung ausgelöst. Am gestrigen Vormittag löste sich die Erregung in spontanen Protestkundgebungen. In Donaueschingen zog die erregte Volksmenge vor die Wohnungen der hier lebenden Juden. In lebhaften Zurufen und Sprechchören wurde die Entfernung der Juden aus unserer Stadt verlangt. Die Polizei nahm drei Juden von hier und einen von auswärts in Schutzhaft. Zu ernsteren Zwischenfällen ist es bei diesen Vergeltungsaktionen nicht gekommen. So hat auch hier das Judentum seinen Tribut für die ruchlose jüdische Hetze draußen in der Welt erhalten. Die Donaueschinger Bevölkerung erwartet, dass kein Jude innerhalb der Mauern unserer Stadt bleibt. Dem Ruf ‚Juden raus‘, der gestern früh in den Straßen unserer Stadt erklang, muss die Tat folgen.“

Der Weg ins Ausland und Tod im Konzentrationslager.

Frau und Herr Bensinger konnten mit ihren drei Kindern nach Amerika emigrieren, Frau und Herr Weil wurden mit ihrem Sohn in der Schweiz von Verwandten aufgenommen, Frau Guggenheim folgte ihrer Tochter nach Argentinien, Frau und Herr Lindner sind mit ihrer Tochter nach Amerika ausgewandert. Sie alle konnten ihr Leben retten und mussten lernen damit zu leben, dass ihre Angehörigen, die nicht das Land verlassen konnten, im Konzentrationslager ermordet wurden.

Dagobert Guggenheim wurde im KZ Auschwitz ermordet.

Henriette Lindner starb nach einem langen Leidensweg im Internierungslager in Gurs/Perpignan Frankreich.

Was wird heute für das Gedenken an die jüdischen Mitbürger getan?

Das Gedenken und Erinnern ist der Stadt und den Bürgern ein großes Anliegen. Mit den Stadtführungen zum jüdischen Leben, einem Flyer, einer Website, einer Gedenktafel am Rathaus und den vier Straßen im neuen Wohnviertel Am Buchberg, die nach den jüdischen Frauen benannt werden, gibt die Stadt ihrem Gedenken Ausdruck.

Seit ein paar Jahren hat sich ein sehr schöner Kontakt mit Nachkommen der Familie Lindner ergeben. Die Stadt Donaueschingen hat Familienmitglieder für das Jahr 2021 eingeladen.

Meine persönlichen Gedanken.

Das Gedenken und Erinnern wachhalten und in der Gegenwart wachsam zu sein, ist meine Motivation um die Geschichte des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.

Mein Leitspruch ist der Artikel 1 des Grundgesetzes:

Artikel 1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Martina Wiemer

Die Familien Weil, Lindner und Guggenheim betrieben Modehäuser in Donaueschingen. Stumme Zeugen sind Inserate, Kleiderbügel und Fotos der Familien aus unbeschwerten Tagen.

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