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kunst und kultur zu hause

Folge 14
Mokichi-Saitô - Auszug aus dem Wanzentagebuch


Um 22.30 Uhr erreichte mein Zug Donaueschingen. Mit meiner Reisetasche begab ich mich zum Gasthof Schützen. Hier quartierte ich mich ein und bestellte für später zwei Gerichte sowie Bier aufs Zimmer. Ehe ich mich ins Freie wagte, fragte ich nach dem Donaulauf. Der Fluss, sofern ich die Brigach meine, fließe hier direkt vor meiner Nase, erklärte mir am Empfang ein junger Mann. Tatsächlich verlief der Fluss in unmittelbarer Nachbarschaft. Ich beschritt nicht die nahe Brücke, sondern hielt mich am Ufer entlang nach rechts. Keine Menschenseele war mehr unterwegs. [...]

Ich hatte das Wäldchen durchschritten, über mir leuchtete der Mond und ließ die Wasseroberfläche ungehindert glänzen. Ich hielt inne. „Hier ist die Donau wirklich schmal,“ dachte ich und setzte mich ins Gras. „Es wird schon spät geworden sein, ich habe mich gewiss zu lange aufgehalten“, sagte ich zu mir und holte mit großen Schritten aus. Als ich den Gasthof erreichte, war längst Mitternacht vorbei. Während ich in meinem Zimmer das bestellte Mahl verzehrte und Bier dazu trank, bereitete mir meine stille Zurückgezogenheit Behagen. [...]

Die Ufer der Brigach lagen höher als das Bett des Flusses. In dem Stadtteil, den ich durchschritt, wechselten einander neu gebaute mit alten Häusern ab. An eine Mauer war „Fürstliche Hofdruckerei“ geschrieben. Und vor einem Gebäude, einem Amtshaus vielleicht, stand ein Denkmal, das Kaiser Wilhelm I. würdigte. Danach war der Weg nicht mehr befestigt, so dass bei jedem Schritt Staub aufwirbelte. Die Bebauung wurde immer schütterer, schließlich war das Ortsende erreicht. Der Weg senkte sich allmählich und führte mich wieder an den Fluss. Dort war die Brigach breiter und bildete eine seichte Stelle. An einer Staustufe, die Wasser an eine Mühle führte, überquerte ich den Fluss.

Danach folgte kaum noch ein Haus, nur Wald schob sich von beiden Seiten an die Brigach. [...] Mit lautem Rattern fuhr ein Zug zwischen Forst und Fluss. Eine Eisenbahnbrücke erlaubte mir, wieder die andere Uferseite zu erreichen. Ich hatte immer ein Auge auf den manchmal hinter Bäumen versteckten Fluss, als ich ein Dorf vor mir liegen sah. Zwischen roten Dächern ragte ein Kirchturm hoch, der den Mittelpunkt der Siedlung bildete. [...]

Ich war gekommen, um zu sehen, wo Breg und Brigach sich vereinen und den Donauursprung bilden. Mein Wunsch hatte sich erfüllt.

Auszug aus dem „Wanzentagebuch. Die kleinen Leiden und Freuden eines japanischen Studenten im Europa zwischen den zwei großen Kriegen“

Wanzentagebuch_von_Mokichi_Saito___ISBN_978-3-451-30523-8___Sachbuch_online_kauf

Im Herder Verlag erhältlich ( 978-3-451-30523-8 (ISBN), 24,95€ )

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